Lernwirksamer Unterricht wird ermöglicht durch ein offenes Gesprächsklima im geschützten Raum
Was ist ein offenes Gesprächsklima?
Eine Kommunikationsatmosphäre, in der sich alle Beteiligten frei und ohne Angst vor negativen Konsequenzen äußern können, wird als „offenes Gesprächsklima“ bezeichnet. Es hat einen positiven Einfluss darauf, wie Informationen ausgetauscht und verstanden werden und wird durch Respekt, Offenheit und Vertrauen geprägt. Konkret bedeutet das: Es wird ein Raum geschaffen – ein geschützter Raum – in dem alle Beteiligten ernst genommen werden und aufeinander eingehen, Feedback und Vorschläge annehmen, Risiken und Fehler offen ansprechen ohne negative Konsequenzen befürchten zu müssen. Der Fachbegriff „geschützter Raum“ stammt ursprünglich aus der Psychologie und bezeichnet im weiteren Sinne einen konkreten oder virtuellen Bereich, in dem ein Rahmen von Regeln sicherstellt, dass Gedanken, Meinungen und Gefühle offen und ohne Angst vor Abwertung oder negativen Konsequenzen geäußert werden können. Ein geschützter Raum fördert Vertrauen, Offenheit.
Weshalb ist ein offenes Gesprächsklima im geschützten Raum von Bedeutung?
Ein Raum, in dem offen gesprochen werden kann, fördert Vertrauen zwischen Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften sowie allen weiteren Mitgliedern der Schulfamilie. Dieses Vertrauen ist die Grundlage für ein positives Lernumfeld, in dem alle Beteiligten sich respektiert und wertgeschätzt fühlen. Es stärkt das Gemeinschaftsgefühl und fördert eine Kultur der gegenseitigen Unterstützung. Schülerinnen und Schüler fühlen sich hier bestärkt, ihre Gedanken und Gefühle auszudrücken, ohne Angst vor Verurteilung oder gar Spott.
Ein geschützter Raum schafft die Voraussetzung dafür, dass Schülerinnen und Schüler frei ihre Meinungen äußern und neue Ideen ausprobieren können. Dies fördert kreatives Denken und Problemlösungsfähigkeiten. Die Schülerinnen und Schüler lernen, unterschiedliche Perspektiven zu respektieren, den eigenen Standpunkt zu hinterfragen und kritisches Denken zu entwickeln.
Gerade in schwierigen Lebensphasen oder bei der Auseinandersetzung mit komplexen Themen (z. B. familiäre Probleme, persönliche Krisen) ist es wichtig, dass Schülerinnen und Schüler wissen, dass sie in einem geschützten Raum Unterstützung finden können. Ein offenes Gesprächsklima ermöglicht es ihnen, über ihre Sorgen und Ängste zu sprechen und so emotionale Unterstützung zu erhalten.
Bei Themen, die für Schülerinnen und Schüler besonders heikel sind, kann es sinnvoll sein, dass die Lehrkraft bestimmte Gespräche abgibt, beispielsweise an die Mitarbeiter der Jugendsozialarbeit an Schulen. Diese arbeiten unter dem Mantel der Schweigepflicht, was den Betroffenen in bestimmten Situationen die nötige Sicherheit geben kann, sich im Gespräch zu öffnen.
Wie kann die Lehrkraft ein offenes Gesprächsklima fördern?
Ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Lehrkraft und Schülerinnen und Schülern ist die Grundvoraussetzung für ein offenes Gesprächsklima, in dem die Lehrkraft unterstützend wirkt. Eine vertrauensvolle Beziehung schafft ein Gefühl von Sicherheit, in dem sich Schülerinnen und Schüler trauen, Fragen zu stellen und keine Angst davor haben, Fehler zu machen oder um Hilfe zu bitten. Dennoch gibt es darüber hinaus einige Strategien, die die Lehrkraft im Gespräch anwenden kann, um ein positives Gesprächsklima zu fördern.
Aktives Zuhören bedeutet, dass die Zuhörenden bewusst und konzentriert den Sprechenden Aufmerksamkeit schenken, um deren Botschaft vollständig zu verstehen und empathisch darauf zu reagieren. Es geht darum, nicht nur die Worte der Sprechenden zu hören, sondern auch die zugrunde liegenden Gefühle, Bedürfnisse und Absichten zu erfassen.
Nonverbale Verhaltensweisen zur Bestärkung: Offene Körperhaltung bedeutet, dem Gegenüber mit Körper und Gesicht zugewandt zu sein, Blickkontakt zu halten, mit dem Kopf zu nicken als Zeichen des Zuhörens bzw. der Ermutigung.
Wiederholung und Paraphrasierung des Gesagten: Die Zuhörenden wiederholen oder paraphrasieren das Gesagte, um sicherzustellen, dass er richtig verstanden wurde, und geben den Sprechenden die Möglichkeit, Missverständnisse zu klären.
Beispiel: „Wenn ich dich richtig verstehe, sagst du, dass…“
Empathie zeigen: Der Zuhörer versucht, sich in die Lage des Sprechers hineinzuversetzen und zeigt Verständnis für dessen Gefühle und Perspektiven.
Beispiel: „Das ist wirklich ein schwieriges Thema, ich kann nachvollziehen, warum du dich so fühlst.“
Nachfragen: Der Zuhörer stellt klärende oder vertiefende Fragen, um die Handlungen und Motive des Erzählers besser zu verstehen und dem Sprecher zu zeigen, dass er interessiert ist.
Beispiel: „Was hat dich zu dieser Entscheidung bewegt?“
Zusammenfassen, Wiederholung des Gesagten: Wenn das Gegenüber ins Stocken gerät; wenn eine längere Redepause eintritt; als Zusammenfassung am Ende der Erzählung, um Ergebnisse/Zwischenbilanzen festzuhalten.
Verzicht auf Unterbrechungen und vorschnelle Urteile
Lehrkräfte, die eine Ich-Botschaft senden, teilen dem Lernenden ihre Gefühle deutlich mit. Gleichzeitig bleibt die Verantwortung für das Verhalten der Lernenden ihnen selbst überlassen. Somit fördern Ich-Botschaften die Bereitschaft der Schülerinnen und Schüler, ihr Verhalten eigenständig zu überdenken und ggf. zu ändern. Während Du-Botschaften vorwiegend als Appell angelegt sind, wird bei Ich-Botschaften der Fokus auf die Offenbarung der Gefühle und Wünsche der sprechenden Person gelegt – die die Botschaft empfangende Person fühlt sich nicht überrumpelt und angegriffen. Sie kann den Wunsch der Sprecherin oder des Sprechers besser nachempfinden und ist motiviert, diesem zu entsprechen.
Beispiele für Ich- und Du- Botschaften:
Du-Botschaft: „Du störst ständig den Unterricht.“
Ich-Botschaft: „Ich fühle mich gestört, wenn es während der Erklärung laut ist, weil ich möchte, dass alle die Chance haben, den Stoff gut zu verstehen.“
Du-Botschaft: „Du hast schon wieder deine Hausaufgaben nicht gemacht, das kann so nicht weitergehen.“
Ich-Botschaft: „Ich mache mir Sorgen, wenn du deine Hausaufgaben nicht abgibst, weil ich befürchte, dass du Schwierigkeiten mit dem Stoff haben könntest.“
Du-Botschaft: „Du kommst immer zu spät und störst den ganzen Unterricht.“
Ich-Botschaft: „Ich empfinde es als Störung, dass Du zu spät kommst, weil es mir wichtig ist, dass wir gemeinsam pünktlich beginnen.“
Bagatellisieren: Kleinreden der Sorgen des Gegenübers, Herunterspielen der Probleme
Beispiele: „Alles halb so wild.“; „Deswegen regst Du Dich so auf?“; „Da müssen wir alle durch.“
Anbieten vorschneller „Lösungen“ in Form von ungefragten Ratschlägen: Ein Problem, das einen Schüler/eine Schülerin so beschäftigt, dass er/sie das Gespräch sucht, kann vermutlich nicht durch einen schnellen Kommentar aus der Welt geschafft werden. Eine Lehrkraft, die so reagiert, signalisiert dem Schüler/der Schülerin, dass sie sein/ihr Problem nicht ernst nimmt.
Ständige Verwendung von Du-Botschaften
Pauschalaussagen, Über- oder Untertreibungen sowie vorschnelle Urteile: „Das kenne ich, mit diesem Problem hatte ich schon öfter zu tun.“; „Das ist immer so bei Jungs/Mädchen in diesem Alter.“; „So wie Du Dich verhalten hast, brauchst Du Dich aber auch nicht zu wundern.“
Leitfaden für ein Beratungsgespräch zwischen Lehrkraft und Schülerinnen und Schülern
- Gordon, T.: Lehrer-Schüler-Konferenz. Wie man Konflikte in der Schule löst. Hamburg: Rowohlt. (1991)
- Hauser, Stefan und Luginbühl, Martin: Gesprächskompetenz in schulischer Interaktion – normative Ansprüche und kommunikative Praktiken. Bern: hep Verlag ag. (2017)
- Palzkill, Birgit; Schute, Eva; Müller, Günter: Erfolgreiche Gesprächsführung in der Schule. Berlin: Cornelsen Verlag. (2015)
- Vogel, Ines C. (Hrsg.): Kommunikation in der Schule. (2. Auflage). Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt. (2018)