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Lernwirksam unterrichten an Förderschulen und Mittelschulen » Nachhaltiges Lernen » Verknüpfen von neuem Wissen mit vorhandenem Wissen

Lernwirksamer Unterricht wird ermöglicht durch das Verknüpfen von neuem Wissen mit vorhandenem Wissen

Die Verknüpfung von Wissen ist angesichts der ständig wachsenden Informationsfülle eine wesentliche Voraussetzung dafür, bedeutsame Inhalte langfristig zu behalten. Vernetzung erfordert mehrere Schritte: zunächst muss man sich das Bekannte (Grundwissen, geläufige Strukturen, Vorerfahrungen etc.) bewusst machen. Im nächsten Schritt werden Beziehungen zum Neuen hergestellt und in verschiedenen Kontexten angewendet sowie vertieft. So können bestehende Denkmuster dauerhaft verändert und Lernen nachhaltig werden.

„Wer da hat, dem wird gegeben“. Auf das Lernen übertragen bedeutet dies: Wer viel weiß, der kann viel dazu lernen, wer wenig weiß, tut sich damit entsprechend schwer.

Vorwissen bezeichnet alles Wissen, welches Schülerinnen und Schüler zum Lerngegenstand mitbringen inklusive deren Überzeugungen und Meinungen. Die Lehrkraft sollte vor Beginn einer Sequenz das Vorwissen abfragen, um auch falsches Vorwissen herauszufiltern und dann darauf eingehen zu können bzw. gezielt darauf hinwirken, dass dieses korrekt umgeformt wird. Nachhaltiges Lernen ist gerade dann gegeben, wenn es gelingt, neues Wissen mit dem vorhandenen Wissen zu verknüpfen. So entsteht eine kognitive Aktivierung beim Lernenden (vgl. Trautwein / Sliwka / Dehmel 2022).

Unser Gehirn ist ein neuroplastisches Organ, es kann sich beim Lernen verändern und Verknüpfungen neu bilden. Vorwissen hilft dabei, neue Verbindungen zu schaffen. Unser Vorwissen ist in kognitiven Netzwerken abgespeichert. Beim Lernen neuer Inhalte werden diese Netzwerke aktiviert und mit dem neuen Wissen verglichen. Im Hippocampus werden hierzu Erinnerungen abgerufen und mit den neuen Wissensinhalten verknüpft (vgl. Gava / McHugh / Lefèvre / Lopes-dos-Santos / Trouche / El-Gaby / Schultz / Dupret 2021).
Bei sogenannten assoziativen Lernprozessen kann unser Gehirn auch auf Informationen zurückgreifen, welche bereits in ähnlichen Kontexten erworben wurden. Dieses Vorwissen hilft, neue Informationen leichter zu verarbeiten und zu speichern. 
Wenn beispielsweise die Lernenden die Flächenformel für ein Rechteck kennen, kann gezeigt werden, dass ein Dreieck die Hälfte der Fläche eines entsprechenden Rechtecks ist. So hilft das Vorwissen über Rechtecke die neue Formel der Dreiecksberechnung zu verstehen und nachhaltig zu behalten.
Letztlich beeinflussen auch Emotionen, wie gut die Lernenden Informationen speichern. Je stärker die Lernenden mit dem Unterrichtsinhalt verbunden sind, desto stärker ihr Vorwissen aktiviert wird, umso leichter fällt das Lernen neuer Inhalte.

Es ist potenziell hilfreich, Vorwissen zu aktivieren. Sollten auch falsche Vorstellungen von Lerninhalten zum Vorschein kommen, ist es wichtig diese zeitnah zu korrigieren. Der neue Lernstoff kann dann direkt in Bezug zu dem Vorwissen der Lerngruppe gesetzt werden.

Um das Vorwissen der Lernenden präsent zu machen, um damit Anknüpfungspunkte für neue Wissensinhalte zu schaffen, stehen vielfältige Methoden zu Verfügung. 


Welche Arten von Vorwissen kann man unterscheiden?

Das ist das Wissen aus Erfahrungen, Alltag, Medien, Familie, Hobbys. Dieses Alltagswissen ist oft sehr motivationsstark, teilweise aber auch naiv oder falsch. So gibt es häufig Fehlvorstellungen in der Biologie oder Chemie (z. B.: Beim Verbrennen “verschwindet” etwas), die diagnostiziert und korrigiert werden müssen.

Dieses Wissen entsteht schrittweise im Unterricht und baut aufeinander auf.
Beispiele:

  • Mathematik: Grundrechenarten - Brüche - Dezimalbrüche - Gleichungen
  • Deutsch: Satzglieder - Grammatik - Textanalyse

Das ist das Wissen oder die Fähigkeiten, die in einem oder mehreren Fächern gelernt wurden und auf mehrere Fächer übertragbar sind.

Beispiele:

  • Diagramme lesen (NT, GPG, WiB, Mathematik)
  • Fachbegriffe wie „Energie“, „System“, „Funktion“
  • Methodenkompetenzen (Lesestrategien, Recherchetechniken, Zusammenfassen)
  • Medienkompetenzen (Umgang mit Tablets, Apps, Quellenrecherche, kritisches Bewerten)

Lernende können neue Inhalte schneller einordnen, wenn sie fächerübergreifende Konzepte wiedererkennen.


Im Folgenden wird die Bedeutung und Umsetzung von Alltagswissen aus der Lebenswelt und kumulativem Vorwissen der Lernenden an konkreten Beispielen im Fach Natur und Technik beschrieben:

Veruchsbeschreibungen

 

Abbildungen


Fazit: Warum ist es aus wissenschaftlicher Sicht sinnvoll, Vorwissen zu aktivieren?

Das Aktivieren von Vorwissen zählt zu den zentralen Prinzipien lernwirksamen Unterrichts. Aus lernpsychologischer, kognitionswissenschaftlicher und neurodidaktischer Sicht gibt es mehrere starke Gründe:

Menschen nehmen neue Informationen nicht neutral, sondern immer im Licht ihrer bisherigen Erfahrungen wahr. Aktiviertes Vorwissen hilft daher Lernenden, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen und neue Informationen besser einzuordnen.

Studien (z. B. Alexander 1997, Hattie 2009) zeigen:

  • Kein Faktor sagt so zuverlässig voraus, wie gut jemand etwas Neues lernt, wie das bereits vorhandene Wissen.
  • Je mehr verknüpfbares Wissen vorhanden ist, desto leichter können neue Schemata gebildet werden (Sweller: Schema-Theorie).

Aus Sicht der Cognitive Load Theory (Sweller) ist Lernen effizienter, wenn Vorwissen aktiviert wird, weil …

  • es entlastet das Arbeitsgedächtnis durch automatisierte Schemata.
  • es verhindert, dass Lernende nicht „ins Blaue hinein“ arbeiten.
  • es stärkt die lernbezogene Verarbeitung.
  • man durch aktiviertes Vorwissen mehr Arbeitsgedächtniskapazität für das eigentliche Lernen hat.

Lernen geschieht, wenn neue Informationen in bestehende Wissensnetze integriert werden. Durch Anknüpfen an Bekanntes entstehen sinnvolle Verknüpfungen, statt isolierter Fakten.

Wenn Lernende merken:„Ich weiß ja schon etwas darüber!", dann steigt …

  • die Lernbereitschaft.
  • die Lernmotivation.
  • das Gefühl von Kompetenz.
  • die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen.


  • Trautwein, U. / Slwika, A. / Dehmel, A. (2022): Grundlagen für einen wirksamen Unterricht. Band 1. Landesinstitut für Schulentwicklung BW (IBBW). Link: https://ibbw-bw.de/,Lde/Startseite/Empirische-Bildungsforschung/Publikationsreihe-Wirksamer-Unterricht
  • Giuseppe P. Gava / Stephen B. McHugh / Laura Lefèvre / Vítor Lopes-dos-Santos / Stéphanie Trouche / Mohamady El-Gaby / Simon R. Schultz & David Dupret: Integrating new memories into the hippocampal network activity space. Nature Neuroscience volume 24, pages 326–330 (2021).