Lernwirksamer Unterricht wird ermöglicht durch einen selbstbestimmten und selbstorganisierten Lernprozess
Lernen wird in der aktuellen Lerntheorie als aktiver und konstruktiver bzw. ko-konstruktiver Prozess beschrieben, der – soll er erfolgreich sein – ein hohes Maß an Selbststeuerung im Hinblick auf das Ziel (Lernziel) und auch den Weg dahin (Prozess, Lernweg) erfordert. Begriffe, denen in diesem Kontext Bedeutung zugeschrieben werden, sind Selbstbestimmung und Selbstorganisation, aber auch Selbstregulation. Diese in der bildungstheoretischen Diskussion geläufigen Begriffe werden teils synonym verwendet. Eine Abgrenzung der Begriffe erscheint daher sinnvoll:
Rolle der Lehrkraft
Mit diesem Unterrichtskonzept, das das selbstbestimmte und selbstorganisierte Lernen ermöglicht, geht notwendig eine Veränderung der Rolle der Lehrkraft einher. Lehrkräfte sind gefordert, Lerngelegenheiten anzubieten, die die Autonomie der Lernenden fördern – also Lernangebote, die den Schülerinnen und Schülern helfen, selbstgesteuert zu agieren (zum Beispiel: Lernstrategien). Lernangebote beziehen sich aber auch auf die Aufgabenformate, generell auf die Gestaltung von Lernarrangements (zum Beispiel auch die Ermöglichung digitalen Lernens oder die Nutzung von Onlineformaten).
Weiterhin sind Lehrende gefordert, eine eigenständige, zielorientierte Planung, Reflexion sowie Evaluation der Schülerinnen und Schüler anzuleiten und den Lernprozess zu begleiten. Dies gelingt mithilfe von Steuerungsinstrumenten, eingesetzt als Lern- und Orientierungshilfen, sowie durch Lernberatungsgespräche. Solche Steuerungsinstrumente sind zum Beispiel Kompetenzraster oder Lernlandkarten, aber auch Lerntagebücher, Advance Organizer sowie Portfolios (vgl. die Unterscheidung Prozess- und Produktportfolio).
Lehrkräfte fördern mithilfe der aufgeführten pädagogischen Steuerungsinstrumente die Selbstorganisation und die Selbstverantwortung der Schülerinnen und Schüler. Forschungsergebnisse zeigen, dass Kinder und Jugendliche, die in der Lage sind, ihren eigenen Lernprozess zu regulieren, eine langfristige Lern- und Leistungsmotivation besitzen – eine Grundvoraussetzung für lernwirksamen Unterricht. Lehrende werden mit dieser Art des Unterrichtens den individuellen Bedürfnissen der Lernenden nach Autonomie und Selbstbestimmung sowie den damit einhergehenden Anforderungen nach Gestaltung individueller Lernsettings (heterogene Lernumgebung) gerecht. Im Kontext der notwendigen Förderung von Selbstbestimmung und Selbstorganisation lassen sich folgende Forderungen formulieren: Der Unterricht muss Wahlmöglichkeiten bei Inhalten, Aufgaben, der Vorgehensweise und der Lernstrategien bieten – hierunter fällt auch die Wahl der Sozialform (Ressourcenbezogene Strategie, Churer Modell) – und auch die Selbststeuerung von Lernprozessen ermöglichen und unterstützen.
Artelt, C. / Demmrich, A. / Baumert, J. (2001): Selbstreguliertes Lernen. In: Deutsches PISA-Konsortium (Hrsg.): PISA 2000. Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich. Opladen, 271-298.
Deci, E. / Ryan, R. (1993): Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation und ihre Bedeutung für die Pädagogik. In: Zeitschrift für Pädagogik 39, 1993, 2.
Deitering, F. G. (1995): Selbstgesteuertes Lernen. Göttingen, Verlag für Angewandte Psychologie.
Erpenbeck, J. et al. (2006) : Metakompetenzen und Kompetenzentwicklung, Teil I, QUEM-report, No. 95/Teil 1, Arbeitsgemeinschaft Betriebliche Weiterbildungsforschung (ABWF), Berlin.
Erpenbeck, J. / Heyse, V.: Die Kompetenzbiographie. Wege der Kompetenzentwicklung, 2021, Münster, Waxmann-Verlag.
Herold, M. / Landherr, B. (2001): SOL – Selbstorganisiertes Lernen. Ein systematischer Ansatz für Unterricht. Hohengehren: Schneider Verlag.
Konrad, K. / Traub, S. (1999): Selbstgesteuertes Lernen in Theorie und Praxis, München.
Preussler, A. / Schulz-Zander, R. (2004): Selbstreguliertes Lernen im Mathematikunterricht - Empirische Ergebnisse des Modellversuchs SelMa. In: Schumacher, F. (Hrsg.): Innovativer Unterricht mit neuen Medien. Ergebnisse wissenschaftlicher Begleitung von SEMIK-Einzelprojekten. Grünwald: FWU Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht, 119-141.
Reich, K. (2004): Konstruktivistische Didaktik. Lehren und Lernen aus interaktionistischer Sicht. Neuwied: Luchterhand. 2. überarbeitete Auflage.
Reich, K. (2005): Systemisch-konstruktivistische Pädagogik: Einführung in Grundlagen einer interaktionistisch-konstruktivistischen Pädagogik, Weinheim und Basel: Beltz.
Schulz-Zander, R. / Riegas-Staackmann, A. (2004): Neue Medien im Unterricht - eine Zwischenbilanz. In H. G. Holtappels, K. Klemm, H. Pfeiffer, H.-G. Rolff & R. Schulz-Zander (Hrsg.). Jahrbuch der Schulentwicklung, Bd. 13. Weinheim/München: Juventa, S. 291-330.
Weinert, F. E. (1982): Selbstgesteuertes Lernen als Voraussetzung, Methode und Ziel des Unterrichts. In: Unterrichtswissenschaft 10 (2), 99-110.
Weinert, F. E. (Hrsg) (2001): Leistungsmessungen in Schulen, Weinheim und Basel: Beltz.